Ach, das mach ich morgen – vom Aufschieben und Prokrastinieren

Foto: Jule

Kennst du das auch? Du hast etwas zu tun, aber du tust es nicht? Ich habe das irgendwie ständig. Plötzlich ist alles andere wichtiger und interessanter, als die Hausarbeit zu schreiben, fürs Abi zu lernen oder diesen Text hier zu schreiben. Den Text übers Aufschieben aufschieben ist sehr bezeichnend für mich, seit ich studiere. Doch warum ist das so? Ist es wirklich schlimm, dass ich meine Hausarbeiten auf den letzten Drücker abgebe, wenn ich es doch trotzdem immer wieder schaffe? Und was kann ich gegen diese „Aufschieberitis“ tun?

Das große Warum

Ich frage mich oft, wenn ich zum dritten Mal die Wohnung sauge oder bei der vierten Staffel irgendeiner Serie angekommen bin, warum ich stattdessen nicht endlich das angehe, was ich seit Wochen vor mir herschiebe. Oder hinter mir herzerre, wie ein Klotz am Bein. Dann wird mir kurz heiß, ich spüre Panik in mir aufsteigen und sehe die immer kleiner werdende Zahl vor meinen Augen, die mir noch bis zur Deadline bleibt. Und natürlich mache ich das einzig Vernünftige und schiebe die Zahl, die schlechten Gefühle einfach wieder weg und konzentriere mich auf die Serie oder den Hausstaub. Warum ist das so? Und warum bekommt gefühlt jeder andere Mensch auf diesem Planeten seine Sachen so gut auf die Reihe? Ich habe Arite Heuck-Richter zu dem Thema befragt. Sie ist Leiterin und Coach bei der Zentralen Studienberatung und eine Expertin in dem Gebiet.

„Circa 70% aller Studierenden schieben Aufgaben auf, darunter sind 15-25 % chronische Aufschieber_innen, die dauerhaft unter den negativen Folgen des Aufschiebens leiden. Es ist also ein weit verbreitetes Phänomen, das nicht nur Studierende kennen […]. Die Gründe für Prokrastination sind vielfältig und reichen von der Überforderung durch zu viele Aufgaben, unzureichende Arbeits- und Lerntechniken, einer geringen Frustrationstoleranz oder Impulskontrolle, sehr hohen eigenen Ansprüchen oder der Angst vorm Versagen bis hin zum Erfahrungswissen, dass es bis jetzt immer auf den letzten Drücker geklappt hat und es eine vermeintlich besondere Leistung ist, dies alles in kurzer Zeit oder mit wenig Aufwand zu schaffen.“

Dass ich nicht allein mit meinem „Problem“ bin, finde ich schon mal beruhigend. Diese Erkenntnis hatte ich auch, als ich letztes Sommersemester an einem Workshop der Fachübergreifenden Schlüsselkompetenzen (https://www.uni-hildesheim.de/zsb/unser-angebot/fachuebergreifende-schluesselkompetenzen-fuesk/) der ZSB zum Thema Aufschieben teilgenommen habe. Die Veranstaltung fand online statt, trotzdem war es eine gute Mischung aus Austausch und Input. Ich habe mich in einigen Erzählungen der anderen Studierenden wiedergefunden. Dort kam auch ein interessanter Punkt auf, den ich vorher für mich nie reflektiert hatte: Wenn wir die Sache, die wir aufschieben, trotzdem rechtzeitig schaffen, löst das ein viel größeres Glücksgefühl aus. Der Stress fällt von einem ab und die Erleichterung, es doch noch geschafft zu haben, kommt nicht an eine drei Wochen vor Abgabeschluss weggeschickte Hausarbeit heran. Da fehlt der „Nervenkitzel“. Was für die einen vielleicht ein positiver Effekt am Aufschieben ist, trifft für mich nicht so wirklich zu. Natürlich fühle ich mich erleichtert und gut, wenn ich etwas gemacht habe, aber die restliche Zeit bis dahin nicht. Da bin ich innerlich angespannt und auch wenn ich schöne Sachen statt meiner eigentlichen Aufgabe mache, fühle ich mich schlecht. Andere im Workshop berichteten jedoch, dass es ihnen während des Aufschiebens sehr gut geht. Was ist dann so „schlimm“ am Aufschieben?

Ich schiebe auf, weil ich es kann

Diese Frage habe ich auch Arite gestellt.

„Ich würde nicht sagen, dass es grundsätzlich schlimm ist, aufzuschieben. Herausfordernd wird es erst, wenn man nicht mehr das erreicht, was man sich vorgenommen hat und man damit negative Konsequenzen erlebt.“

Aufschieben kann also für Personen auch gut funktionieren, die dadurch produktiver arbeiten oder mehr Zeit für andere Dinge aufbringen. Du musst also der „Typ“ dafür sein.

„In der Persönlichkeit kommt […] zu tragen, dass wir Menschen bestimmte Grundmotive haben bzw. erlernt haben – also Persönlichkeitszüge, die uns ausmachen und eben auch in Bewegung bringen. Wenn diese Persönlichkeitszüge nicht den aktuellen Zielen entsprechen, neigen wir Menschen viel eher zum Aufschieben. Vielleicht ein Beispiel: Wenn ein Studierender, der eher introvertiert ist und gerne alleine arbeitet, nun ein Modul absolvieren muss, was Gemeinschaftsreferate und viel Gruppenarbeit beinhaltet, wird diese Person dazu neigen, genau diese Aufgaben aufzuschieben und seine Konzentration auf Dinge zu lenken, die besser vereinbar mit den eigenen Grundmotiven sind und somit einen schnelleren und leichteren Erfolg versprechen.“

Ob du etwas an deinen Verhaltensweisen und dem ewigen Aufschieben ändern möchtest, ist also eine sehr individuelle Entscheidung, für die du dich mit deinen eigenen Grundmotiven auseinandersetzen musst. Auch Arite stellt fest, dass die Entscheidung, etwas am Aufschieben zu ändern, gut überlegt sein solle, da dadurch auch etwas verloren geht: Die Zeit, die du durchs Aufschieben gewinnst, in der du den Frühjahrsputz machst, fünf Bücher liest, ans Meer fährst oder was du eben stattdessen machst. Im besten Fall bist du natürlich, wenn du früher anfängst auch früher fertig, sodass sich die Freizeit nach hinten verschiebt. Wobei besonders perfektionistische Menschen dazu neigen, eine Aufgabe so lange zu bearbeiten, dass diese Rechnung dann nicht mehr aufgeht.

Das große Wie

Wenn bei mir durch das Aufschieben Sachen aus dem Ruder laufen und ich die gewonnene Zeit mit negativen Gefühlen verbringe, wäre es an der Zeit, etwas dagegen zu tun. Die Frage bleibt, was und wie?

„[Es] gibt […] viele verschiedene Techniken und Strategien, die man ausprobieren kann, um so das für sich Passende zu finden. Es gibt nicht das „Allheilmittel“, sondern es sind verschiedene Ebenen, die bearbeitet werden können. Zuallererst sind natürlich ein funktionierendes Zeitmanagement und gute Arbeits- und Lerntechniken zu nennen, genauso wichtig ist aber auch das Wissen darüber, was einen in Bewegung bringt, welche die eigenen Grundmotive zum Handeln sind und möglichst nach diesen zu leben und seine Aufgaben zu gestalten.“

Strategien, die mir gegen das Aufschieben helfen, sind besonders welche fürs Zeitmanagement. Also meine Zeit mithilfe eines Kalenders zu planen und so alle Aufgaben, Deadlines und andere Termine auf einen Blick zu haben. Es kann auch helfen, sich Termine für bestimmte Aufgaben zu setzen, nur müssen die dann natürlich auch eingehalten werden. Es kann auch helfen, die große Aufgabe in kleine Teilaufgaben zu unterteilen. Also statt „Hausarbeit“ zum Beispiel das Lesen von drei Texten für die Literaturrecherche zu planen. Und die Ziele müssen realistisch sein, sonst wirst du schnell demotiviert. Die Strategien und Methoden sind sehr vielfältig und individuell, so kann schon allein ein Kalender für jeden Menschen anders aussehen. Er kann analog oder digital sein, in Woche-, Monats-, oder Jahresansicht. Somit funktionieren sie für jede_n auch unterschiedlich gut. Wichtig für mich war auch, anzufangen. Wenn erst einmal ein Anfang gefunden ist, geht der Rest meist viel leichter. Dabei kann die Pomodoro-Technik helfen. Dabei unterteilst du dir deine Aufgaben in kleine Schritte, stellst dir einen Wecker auf 25 Minuten und arbeitest währenddessen konsequent und konzentriert an einer Teilaufgabe. Wenn der Wecker klingelt, machst du fünf Minuten Pause und machst danach weiter, wieder 25 Minuten. Nach vier Durchgängen steht dann eine 30-minütige Pause an. Die Zeiten kannst du natürlich auch an deine Bedürfnisse und Arbeitsweisen anpassen. Es kann außerdem helfen, Aufgaben gemeinsam anzugehen. Du könntest dich also mit anderen zum gemeinsamen Arbeiten treffen. Das Lese- und Schreibzentrum organisiert zum Beispiel regelmäßig Online-Schreibgruppen.

Wenn du alleine nicht gegen diesen inneren Schweinehund ankommst oder nicht weißt, welche Strategien dich dabei unterstützen können, ist es immer gut, sich Hilfe zu suchen. Dabei ist an der Uni Hildesheim die Zentrale Studienberatung eine gute Anlaufstelle.

„Zum Thema „Prokrastination“ können Studierende einen Workshop im Rahmen der Fachübergreifenden Schlüsselkompetenzen besuchen oder direkt in das Coaching kommen. Im Workshop erhält man erste Tipps, Tricks und Strategien, um gegen das eigene Aufschieben vorzugehen. Im Coaching taucht man dann schon tiefer in die persönliche Situation ein und entwickelt individuelle Lösungen.“

Vielen Dank an Arite Heuck-Richter für ihre Zeit und das Beantworten der Fragen. Und wie sieht es bei dir aus? Welche Strategien helfen dir dabei, Aufgaben rechtzeitig zu erledigen?

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