Praktikum im Studium

Nützliche Chance oder nervige Pflicht?

Eine Filmklappe und ein Storyboard liegen auf einer Holzfläche
Foto: saikorn/stock.adobe.com

Es ist Ende Juni 2021, die Vorlesungszeit ist noch nicht ganz zu Ende und ich sitze im Zug. Hildesheim liegt schon weit hinter mir und meine Reise geht gen Mainz, wo mich in den nächsten Wochen ein Praktikum beim ZDF erwartet. Seit einem Dreivierteljahr studiere ich Inszenierung der Künste und Medien an der Uni Hildesheim und nun ist es Zeit für mein Pflichtpraktikum, um meine theoretischen und praktischen Studieninhalte mal außerhalb der Uni anzuwenden und einen Eindruck zu bekommen, wo es nach dem Master für mich hingehen könnte…
Schnitt, acht Wochen später, die Zeit ist nur so verflogen, ich bin wieder zurück in Hildesheim und soll meine Eindrücke für diesen Beitrag zu Papier bringen. Spoiler Alert: Es war super und ich kann Praktika während des Studiums nur wärmstens empfehlen! Warum, erfährst du hier:

Ziel und Vorbereitung
Pflichtpraktikum, das mag sich nach Zwang und Stress anhören, eigentlich ist es aber eine ganz gute Sache. Neben Berufsorientierung und spannenden Erfahrungen gibt es dafür Leistungspunkte und einen Modulabschluss. Nicht alle Studiengänge enthalten ein Pflichtpraktikum, sinnvoll ist es dennoch allemal.
Die Bewerbung für mein Praktikum hatte ich schon verschickt, als ich noch im Bachelor war. Für einige beliebte Institutionen wie das ZDF ist es empfehlenswert, sich sehr frühzeitig um Praktika zu bemühen, da die verfügbaren Plätze teilweise schon über ein Jahr im Voraus vergeben sind. Das Interesse für die von mir gewählte Abteilung wurde ebenfalls schon im Bachelor geweckt, als einer der Redakteure in einem Seminar als Gast-Lektor eingeladen wurde und uns einen Einblick in seine Arbeit gegeben hat. Im Master nun gibt es bereits viele Möglichkeiten, praxisbezogenes Arbeiten in verschiedenen Übungen zu erproben, was mein Interesse zusätzlich bestärkt hat, wenngleich sich meine Erfahrungen im Praktikum deutlich von der Arbeitsweise in den Seminaren und Übungen in Studium unterscheiden.
Obwohl die vorlesungsfreie Zeit noch nicht angefangen hatte, konnte ich durch das Online-Studium sogar noch an den letzten Terminen der wichtigsten Seminare teilnehmen, die ich andernfalls verpasst hätte (Thanks, Corona! 😊). Dafür habe ich mir dann an den entsprechenden Tagen mal Urlaub genommen; in anderen Veranstaltungen hatte ich meine Abwesenheit bereits im Vorfeld mit den Lehrenden abgeklärt und konnte die versäumten Inhalte anderweitig aufarbeiten. Ziemlich entspannt eigentlich.

Wo ich gelandet bin: ZDF – Das Kleine Fernsehspiel
Die Redaktion „das Kleine Fernsehspiel“ in der ich mein Praktikum gemacht habe – dient einfach ausgedrückt als Anlaufstelle für angehende Filmemacher_innen und aufstrebende Talente, die Unterstützung in Form einer Koproduktion für ihre ersten Werke suchen. Aus den unzähligen eingereichten Projektvorschlägen wählen die Redakteur_innen dann die vielversprechendsten Ideen aus, entwickeln sie gemeinsam mit dem Produktionsteam weiter und sind auch an allen weiteren Schritten wie Dreh und Schnitt beratend und mitentscheidend beteiligt. Es werden hier also keine oder kaum eigene Inhalte produziert, wie es in anderen Abteilungen der Hauptredaktion Fernsehspiel der Fall ist.

Kein Kaffee kochen, sondern Drehbücher lesen
Als Praktikant beim Kleinen Fernsehspiel war meine Hauptaufgabe glücklicherweise nicht, ganz dem Klischee entsprechend Kaffee zu kochen oder stundenlang am Kopierer zu stehen.  Stattdessen hatte ich Zugang zu den aktuell eingereichten oder schon weiter entwickelten Drehbuchentwürfen, die ich dann lesen, lektorieren und aus meiner fachlichen, aber auch persönlichen Perspektive einschätzen sollte. Ergänzend zu meiner schriftlichen Beurteilung gab es in der Regel noch ein ausführliches Gespräch mit den betreuenden Redakteur_innen des Projekts, um offene Fragen zu klären oder Kritikpunkte zu vertiefen. Ähnlich verlief es mit bereits abgedrehten Filmen, die noch auf halber Strecke im Schnitt steckten und ein unvoreingenommenes Paar Augen brauchten, um den Schwierigkeiten der mit der Zeit unweigerlich einsetzenden Betriebsblindheit entgegenzuwirken. Hin und wieder hatte ich auch die Möglichkeit, an Gesprächen mit den Produktionsteams teilzunehmen, wo beispielsweise der aktuelle Stand des Drehbuchs besprochen oder die Kalkulation des Drehs geplant wurden. Darüber hinaus war meine Anwesenheit in verschiedenen Sitzungen innerhalb der Redaktion ausdrücklich erwünscht und auch meine Meinung (als kleiner, unbedeutender Praktikant 😉) zu aktuell diskutierten Themen wurde ernstgenommen und geschätzt.

Viel gelernt – trotz Sommerflaute
Der Zeitpunkt meines Praktikums war leider nicht besonders ideal gewählt, durch die Sommerzeit waren viele Mitarbeiter_innen der Redaktion teilweise über mehrere Wochen im Urlaub und andere waren die meiste Zeit im Home-Office (Thanks, Corona! ☹). Trotzdem war ich sehr zufrieden mit den Möglichkeiten, die ich dort hatte und neben der an sich schon interessanten Arbeit waren vor allem die Begegnungen und Gespräche mit den Menschen dort für mich ein großer Gewinn. Denn auch wenn ich schon seit langem weiß, in welche Richtung es beruflich für mich gehen soll und ich bereits vor meinem Studium eine ganze Menge Praktika hinter mir hatte, war es nicht verkehrt, noch ein weiteres machen zu müssen. Die Redaktion im Rundfunkbetrieb war zudem eine ganz neue Station für mich, bei der ich viel aus meinem schon vorhandenen Wissen profitieren konnte, aber auch etliche neue Perspektiven auf mein bisheriges Arbeitsfeld gewonnen habe. Doch die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Bekanntschaften mit Kolleg_innen zu schließen, die seit Jahren in der Branche arbeiten und sich gut auskennen, ist in meinen Augen am wichtigsten für die Zukunft nach dem Studium; gerade, wenn du einen guten Eindruck hinterlässt und auch nach der Praktikumszeit einen lockeren Kontakt zu den Mitarbeiter_innen halten kannst.
Solltest du auch schon eine Idee haben, welchen Beruf du später mal ausüben möchtest (du hast dein Studienfach ja vermutlich nicht ohne Grund gewählt), ist ein Praktikum die wohl beste Gelegenheit um zu überprüfen, ob deine Vorstellung des Jobs überhaupt der Realität entspricht oder du eigentlich etwas ganz anderes erwartet hattest. So ein Realitätscheck mag daher bisweilen auch ernüchternd und frustrierend sein, ist aber durchaus sinnvoll, damit es nach dem Studium kein böses Erwachen gibt.

Zur Berufsorientierung
Aber auch wenn du noch gar keine Ahnung hast, wo es für dich nach dem Studium hingehen soll, kann ich Praktika zur Berufsorientierung nur empfehlen, ob sie nun verpflichtend von der Studienordnung vorgeschrieben sind oder nicht. Allerdings vergeben viele Firmen Praktikumsplätze nur noch an Studierende, deren Studienordnung ein Pflichtpraktikum vorschreibt, da diese in der Regel unbezahlt sind. Auch in meinem Fall galt das Praktikum beim ZDF noch als Pflichtpraktikum, inzwischen können sich Interessierte dort aber auch ohne diese Voraussetzung bewerben und erhalten zumindest eine kleine Aufwandsentschädigung. Damit will das ZDF auch Personen erreichen, die keinen akademischen Hintergrund haben oder es sich sonst schlichtweg nicht leisten könnten, acht Wochen ohne Lohn Vollzeit zu arbeiten. So oder so schadet es nicht, sich irgendwann im Laufe des Studiums einen Überblick zu verschaffen, welche Berufsfelder mit deinem Fach bzw. deiner Fächerkombination für dich in Frage kommen.

Für mich war das Pflichtpraktikum jedenfalls eine große Bereicherung, die ich keinesfalls hätte verpassen wollen und daher kann ich wirklich nur empfehlen, diese Möglichkeit bestmöglich zu nutzen.

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